Kanzerogenitätsindex
Was ist der Kanzerogenitätsindex?
Der Kanzerogenitätsindex (KI) ist ein Kennwert, der vor allem bei künstlichen Mineralfasern (KMF) – insbesondere Mineralwolle (Glas- und Steinwolle) – verwendet wurde, um das krebserzeugende Potenzial von Faserstäuben anhand der chemischen Zusammensetzung grob abzuschätzen. Idee dahinter: Bestimmte Zusammensetzungen deuten auf eine höhere Biolöslichkeit (Fasern lösen sich im Körper schneller) und damit tendenziell auf ein geringeres Risiko hin.
Wofür wird der KI im Arbeitsschutz genutzt?
Im betrieblichen Alltag taucht der KI vor allem in diesen Situationen auf:
- Bewertung eingebauter/älterer Mineralwolle (z. B. bei Rückbau, Sanierung, Instandhaltung): Der KI kann helfen, die Gefährdung einzuordnen und den Entsorgungsweg zu bestimmen.
- Abgrenzung „alte“ vs. „neue“ Mineralwolle in der Praxis: Bei älteren Produkten kann das Thema krebserzeugende Faserstäube relevant sein – dann greifen spezielle Schutzanforderungen (z. B. TRGS 521).
Wichtig für Schulungen: Der KI ist kein universeller Index für alle krebserzeugenden Stoffe, sondern bezieht sich im Wesentlichen auf Mineralfaserstäube aus bestimmten KMF.
Wie wird der Kanzerogenitätsindex berechnet?
Formel (vereinfacht)
Der KI wird rechnerisch aus Massenanteilen bestimmter Oxide gebildet:
KI = (Na-, K-, B-, Ca-, Mg-, Ba-Oxide in %) − 2 × (Aluminiumoxid in %)
In der Praxis stammt die chemische Zusammensetzung meist aus Produktunterlagen oder Laboranalysen (z. B. bei unklarer Herkunft eingebauter Mineralwolle).
Wie wird der KI interpretiert?
Je kleiner der KI, desto eher wird (vereinfacht) ein höheres Risiko angenommen – insbesondere, wenn lungengängige „WHO-Fasern“ freigesetzt werden können.
Typische Grenzbereiche (Orientierung)
- KI < 30: Fasern gelten als höchstwahrscheinlich krebserzeugend (Gefahrenkategorie 1B nach CLP).
- 30 < KI < 40: Verdacht auf krebserzeugende Wirkung (Gefahrenkategorie 2 nach CLP).
- KI > 40: nach diesem Ansatz keine krebserzeugende Wirkung zu erwarten; der Wert ≥ 40 war/ist als Kriterium im Kontext der Freizeichnungssystematik bekannt.
Welche Bedeutung hat der KI in der Gefährdungsbeurteilung?
Für die Gefährdungsbeurteilung ist entscheidend: Was wird freigesetzt und wie hoch ist die Exposition? Der KI kann dabei unterstützen, ist aber nicht das einzige Kriterium.
Grenzen des KI (wichtig für Schulungen)
Der KI kann in der Praxis fehlleiten, z. B. durch „falsch positive“ Bewertungen bei neueren Materialien. Deshalb wird er heute häufig eher zur Bewertung vorhandener/eingebauter KMF und für Entsorgungsfragen genutzt – nicht als alleinige Entscheidungsgrundlage.
Praxisregel bei unklarer Mineralwolle
Bei Mineralwolle, die vor 1996 eingebaut wurde, wird in der Praxis häufig davon ausgegangen, dass es sich um „alte Mineralwolle“ handelt, bei der krebserzeugende Faserstäube auftreten können – und es sind entsprechende Schutzmaßnahmen anzuwenden.
Schutzmaßnahmen bei Arbeiten mit (potenziell) alter Mineralwolle
Wenn bei Abbruch-/Sanierungs-/Instandhaltungsarbeiten alte Mineralwolle betroffen ist, sind staubarme Verfahren und klare Schutzregeln entscheidend.
Technische und organisatorische Maßnahmen
- Staubfreisetzung minimieren (z. B. schonend ausbauen, nicht reißen, nicht trocken kehren)
- Bereiche abgrenzen, Reinigungskonzept, sichere Verpackung/Abfalllogistik
- Unterweisung vor Tätigkeitsbeginn: „Was ist alte Mineralwolle? Welche Regeln gelten?“
Die TRGS 521 betont außerdem: Selbst bei Einhaltung einer Faserstaubkonzentration am Arbeitsplatz kann ein Krebsrisiko nicht sicher ausgeschlossen werden – daher ist weitere Minimierung anzustreben.
PSA (als letzte Barriere)
Je nach Tätigkeit und Staubfreisetzung kann erforderlich sein:
- geeigneter Atemschutz (tätigkeitsabhängig),
- Schutzkleidung (Verschleppung vermeiden),
- Handschutz und Augenschutz,
- Hygieneregeln/„sauber–unsauber“-Trennung.
Für Schulungen wichtig: PSA wirkt nur, wenn sie passt, korrekt getragen und richtig an-/abgelegt wird.


